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Mein Weg ins Systemische (4)

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Ursula Wegner reflektiert in diesem Beitrag darüber, wie das systemische Denken sich nach ihrer Weiterbildung zur systemischen Beraterin heute durch ihr gesamtes Leben zieht. Sie erzählt von Zement und bunten Kieselbetten - eine schöne Metapher, wie wir finden. Ursula unterstützt LEBENSNAH in der Aufsuchenden Familientherapie und bietet Workshops und Seminare an.

 

 

Mein Weg ins Systemische

… ist der einer Quereinsteigerin. Ich bin gelernte Buchhändlerin und habe nach einer langen Familienzeit in verschiedenen Buchhandlungen gearbeitet. Dann kam das Angebot einer Schulleiterin, Kinder mit Behinderung im Regelschulalltag zu begleiten, in einem Pilotprojekt, ein Jahr, bevor Inklusion in Niedersachsen offiziell eingeführt wurde. Da ich selbst Mutter eines behinderten Sohnes bin, war ich dafür mehr als offen und bin so ins pädagogische Arbeiten gekommen. Je länger ich mit den Schülern arbeitete, desto mehr wollte ich gutes „Handwerkszeug“ haben, mich besser qualifizieren für die Arbeit mit und an Menschen. In Gesprächen mit Antje Rein darüber, wohin meine berufliche Reise noch gehen könnte, entstand die Idee, mich ebenfalls systemisch weiterzubilden.

 

 

Reise in mein Inneres

Mein Weg ins Systemische hat mich dann zuallererst in mein Inneres geführt. Dort fand ich viel Kritik und Selbstkritik und festzementierte Überzeugungen. Der Zement hatte im Lauf meines Lebens aber schon einige Risse bekommen und systemisches Denken und Arbeiten war wie ein stetiger Regen, der in diese Risse eindrang und den Zement bröckeln ließ…

 

Systemisches Denken hat mich gelehrt, viele Perspektiven zuzulassen, Dinge vorurteilsfrei zu betrachten und beweglicher zu werden.

 

Systemisches Denken lässt mich meine und die Kompetenzen anderer Menschen bewusst suchen und nutzen.

 

Systemisches Denken unterstellt dem Verhalten der Mitgeschöpfe gute Gründe, erlaubt es, negative Aussagen einfach mal positiv umzuformulieren und ihnen so eine neue Wirkung zu geben.

 

Jedes Leben braucht ein sicheres Fundament. Meines ist mittlerweile nicht mehr aus Zement, sondern eher wie ein stabiles durchlässiges Kiesbett …

 

 

Wie sich meine Haltung veränderte

Auf meinem Weg ins Systemische habe ich für meine Arbeit mit beeinträchtigten Schülern wichtige Grundüberzeugungen gesammelt:

 

Das Verhalten meiner Schüler ist immer kompetent – hat einen tieferen Sinn, einen guten Grund. Es ist an mir, herauszufinden, was gerade eine „Störung“ verursacht oder wenn das nicht gelingt, die Störung zu akzeptieren und durch meine Reaktion darauf Veränderung zu ermöglichen.

 

Jedes Kind, egal wie schwer und auf welche Weise beeinträchtigt, hat seine besonderen Fähigkeiten und Stärken. Diese zu fördern und mit diesen zu arbeiten, ist Glück für mich und erhöht die Lebensqualität des Kindes.

 

Eingeschränkt sind wir alle, ob wir als von Behinderung betroffen gelten oder nicht. Oder wie es unser früherer Kinderarzt mal ausdrückte: „Jeder hat seine Teilleistungsstörung“. Sich dessen bewusst zu werden und die eigenen Beschränkungen zu akzeptieren, macht mich demütig und gelassener.

 

 

Vom Defizit zur Demut

Mein Weg ins Systemische hat mir die Augen geöffnet für ungesunde Denkmuster, die ich in meinem freikirchlichen Kontext erworben habe. Aufgewachsen mit dem Menschenbild: „Der Mensch ist böse von Jugend auf“, beständig konfrontiert mit dem Anspruch, „Schuld und Sünde“ zu vermeiden, den eigenen Lebensstil ethisch zu optimieren, war mein Blick auf mich selbst und andere zumeist defizitorientiert. Irgendwas galt es immer zu verbessern. Eine liebevolle und freundliche Haltung mir selbst gegenüber musste ich erst erlernen. Durfte ich. Und erlebe, dass dieser Umgang mit mir selbst und anderen genau so ist, wie ich ihn bei Jesus auch entdecke: liebevoll, annehmend, klar, dem anderen die Freiheit lassend, das Gute wünschend, den Menschen Auswege aus ihren persönlichen Verstrickungen anbietend …

 

 

Meine Beratungsarbeit ODER: Von Schätzen und Edelsteinen

Mein Weg ins Systemische hat mich in die Beratungsarbeit und in die Arbeit mit Familien geführt. Auch hier ist es mein Ansatz und meine persönliche Bereicherung, die vorhandenen Fähigkeiten und Schätze im Leben der Kunden oder Klienten zu entdecken und für die Lösung von festgefahrenen Situationen zu nutzen. Manchmal muss man tief graben, um solche Schätze zu heben, leicht und schnell geht vieles nicht. Die Grundüberzeugung, dass es im Leben eines jeden Edelsteine und wertvolle Rohstoffe gibt, ist hier mein wichtigstes Werkzeug. Gelingt es uns, die Schätze zu heben und gewinnbringend für das Leben einzusetzen, ist das das Schönste, was mir als Beraterin passieren kann. 

 

Vor einiger Zeit bin ich über ein Zitat der Schweizer Theologin Jacqueline Keune gestolpert: „Ich bin daran, schon einige Zeit, mir das Leben zu nehmen. Es ist etwas vom Schwierigsten, das ich bisher gemacht habe.“ (Stutz 2017) „Mir das Leben zu nehmen“, damit meint sie, sich selbst das zu nehmen, was sie für ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben haben möchte. Bewusst sich um sich selbst kümmern, sich selbst gut versorgen, sich das Leben so zu gestalten, dass es passt. Das kann sehr schwer sein. Aber dass man sein Leben selbst gestalten darf und kann, ist erlernbar. Man kann sich seine Situation sozusagen von außen anschauen und verborgene Muster und Verstrickungen erkennen. Dazu ist häufig ein Helfer von außen nötig, jemand, der nicht in das System des eigenen Lebens gehört und folglich auch nicht darin verstrickt ist.

 

Mein Weg ins Systemische hat damit begonnen, dass ich mir selbst helfen ließ, mein eigenes System zu entwirren. Das hat vieles in Bewegung gebracht. Nicht mehr Zement – sondern bunte bewegliche Kiesel bilden meinen Grund …

 

Herzlichst

Ihre Ursula Wegner

 

 



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