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Medienkompetenz im Dschungel

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Reinhard Grohmann, einer unser Spezialisten für Eltern- und Familienbegleitung, beschreibt in seinem Blogbeitrag lebendig und inspirierend, wie man im philippinischen Dschungel nicht nur Medien,- sondern auch noch ganz andere Kompetenzen erlernen kann.

 

 

Wir überholen uns selbst.

Ein kleines Kind schaut sich ein Fotoalbum an. Dann führt es seine Fingerspitzen mit einer schnellen Bewegung über das Foto. Doch es passiert nichts. Es startet noch einen Versuch und noch einen. Aber es erscheint einfach nicht das nächste Foto. Schließlich entdeckt das Kind, dass sich das Foto nicht auf einem virtuellen Hintergrund befindet, sondern einer Seite aus Karton. Und die blättert es um. Dabei hat es etwas Wichtiges gelernt: Es gibt eine virtuelle Welt, die man sich anschauen kann und eine reelle Welt, die man anfassen kann.

 

Vor dieser Herausforderung, sich in beiden Welten zurecht zu finden, stehen heute alle Menschen. Wir leben in einer Zeit, in der sich die technische Entwicklung rasant beschleunigt und sich das Wissen in kurzer Zeit verdoppelt. Unsere Mobiltelefone sahen vor zehn Jahren noch ganz anders aus als heute. Es gibt kaum ein technisches Gerät, das ohne einen Computerchip auskommt. Ohne einen geübten Umgang mit Bildschirmmedien geht in vielen Berufen fast nichts mehr. Wie bekommt nun die nachwachsende Generation, unsere Kinder und Kindeskinder, Anschluss an diese Entwicklung?

 

 

Früh übt sich.

Da liegt es natürlich nah, möglichst früh damit anzufangen, mit ihnen den Umgang mit Touchpad, Maus und Bildschirm zu üben. Je eher sie damit anfangen, umso besser werden sie es können.

Arbeitet nicht auch unser Gehirn nach dem Motto: Das, was wir tun, werden wir können? Also logisch: Laden wir doch die neueste App herunter: Babychinesisch. Gut für die späteren internationalen Handelskontakte und gleichzeitig werden die Babys kompetent im Umgang mit dem Smartphone. Schenken wir doch den Kindergartenkindern ein Smartphone, damit sie es frühzeitig einüben können. Und wenn nicht im Kindergarten, dann doch spätestens in der Schule. Oder?

  

 

Das Leben im Dschungel

Ich habe durch unsere Besuche auf den Philippinen viele junge Menschen kennengelernt, die unter ganz einfachen Verhältnissen aufgewachsen sind. Beispielgebend ist die Familie meines Schwiegersohnes mit acht Kindern – aufgewachsen in einem Haus, das nachts gar keinen Platz für alle zum Schlafen bietet. In einem Haus, bei dem wir in Deutschland Bedenken hätten, unsere Gartengeräte unterzustellen. Ein Haus im Dschungel am Strand. Die Kinder waren ständig draußen unterwegs und spielten in der Natur, denn etwas anderes gab es eigentlich nicht. Wenn es etwas zum Sägen gab, dann wurde gesägt – mit der Hand natürlich. Jetzt als junge Erwachsene haben einige von ihnen Schule und Ausbildung beendet. Sie sind blitzgescheit und kennen sich im Umgang mit elektronischen Medien kompetent und sicher aus. Wenn mein Handy kaputt ist, würde ich es meinem Schwiegersohn zum Reparieren geben. Gelernt hat er das nicht, aber er kann es. Doch woher kommt das?

 

 

Kompetent werden - wobei?

Das was wir tun, werden wir können. Natürlich. Kinder, die zeitig mit dem Smartphone und Notebook umgehen, werden es auch gut können. Aber was genau werden sie können? Das Problem ist ja, dass es eine Kompetenz ist, die sich auf zwei Dimensionen (nämlich Höhe mal Breite) und sich im Wesentlichen auf zwei bis drei Sinne (nämlich Hören und Sehen und ein bisschen schnelle Augen-Hand-Koordination) beschränkt. Die anderen Sinne bleiben auf der Strecke. Doch für die Zukunft brauchen wir ein vernetztes Denken. Und das Netz ist dann tragfähig, wenn es mit allen Sinnen geknüpft wird. Die Kinder, deren Gehirne so vorbereitet werden, werden in der Lage sein, hochkomplexe Zusammenhänge zu verstehen und zu gestalten. Manfred Spitzer sagt etwas spitz: Wer als Kind auf dem Pad oder Smartphone wischen lernt, wird eine Wischkompetenz erwerben.

 

 

Um die Ecke denken können

Aber eben nicht die im richtigen Leben. Wer im richtigen Leben viel wischt und zwar mit Lappen und Schrubber, wird später um die Ecke denken können. Ich denke, da liegt die Chance der Menschen im Dschungel: Um zu überleben, müssen sie all ihre Sinne benutzen: Neben dem Hören und Sehen ist es das Tasten, Riechen, das Schmecken und der Gleichgewichtssinn. Das Gehirn kann sich so voll entfalten, um dann hochspezialisierte Prozesse zu bewältigen.

 

So gilt für alle Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollen, dass sie ihnen möglichst viele Anregungen mit allen Sinnen zur Verfügung stellen sollten. Und für alle, die weniger die Möglichkeit haben, dies im philippinischen Dschungel zu tun, bietet sich der Dschungel in der Umgebung: Der Waldweg mit den knorrigen Wurzeln, der Mauersims zum Balancieren, die Zitrone, die auf die Zunge geträufelt wird, das gemeinsame Übernachten im Freien, das Barfußlaufen durch das nasse Gras oder durch frischen Schnee, das Malen mit Fingermalfarbe, das Anstreichen einer Wand. Alles, was uns ein Gerät oder eine Tastatur abnimmt, fehlt an Entwicklungszeit für das Gehirn. Was wir selber tun, das werden wir können. Nichts anderes.

 

Herzlichst

Reinhard Grohmann

 

Reinhard bietet im Sommersemester folgende Seminare bei LEBENSNAH an:

 

Studientag zur Einführung in das Kurzgespräch

 

 



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