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Mein Weg ins Systemische (2)

Wie hat mich meine systemische Weiterbildung im beruflichen Alltag bereichert? Was hat sich dadurch verändert, bei mir, meinen Gegenübern? Und wie habe ich diese Veränderung erlebt? Heute setze ich die Reihe „Mein Weg ins Systemische“ fort.  

 

 

Im letzten Blog-Beitrag Fünf gute systemische Fragen hat Antje Rein grundlegende systemische Fragetechniken beschrieben. „Was ist das Gute am Schlechten?“ führt gezielt hin zu einer positiven Denkweise. „Was würden Sie sich denn wünschen?“ – eine Frage, die ich sofort mit Möglichkeitsräumen assoziiere. Weiter geht es mit „Wenn Zeit und Geld keine Rolle spielen würden – was würden Sie dann tun?“, ebenfalls eine Frage, die vom Problem weg zu neuen Ideen führen will. Die Wunderfrage ist eine sehr klassische Fragetechnik, mit der sich ganze (systemische) Interviews stricken lassen. Entwickelt wurde die Technik von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg. Abschließend kommt Antje Rein zum zirkulären Fragen. Dies ermöglicht Perspektivwechsel mit erstaunlichen Ergebnissen.

 

Mit diesen Frageformaten kommt man in der Weiterbildung zum Systemischen Coach früh in Berührung. Zunächst an sich selbst. Denn die Selbsterfahrung ist ein nicht unwesentlicher Anteil einer systemischen Weiterbildung. Man lernt sozusagen am eigenen Körper, wie systemische Methoden wirken.

 

 

Ganz schön anstrengend

 

Diese Auseinandersetzung mit sich selbst kann ganz schön anstrengend sein. Nach den ersten zwei Blöcken der Weiterbildung war ich ziemlich platt, geistig und körperlich. Und überrascht, denn für mich hat sich gefühlt eine neue Welt eröffnet. Ich war ein Neuling im Systemischen, wenn gleich Konstruktivismus und Systemtheorie mir nicht neu waren – theoretisch. Praktisch habe ich diese Wissenschaftstheorien erst hier nacherlebt. „Systemisches Coaching ist wie Flugbahnen eröffnen“ habe ich mir in den ersten Tagen notiert. Stimmt! Denn man findet Ressourcen, die vorher verborgen lagen, probiert Perspektiven aus, an die man nicht gedacht hat und erweitert den eigenen Blickwinkel um neue Lösungsideen. Weil Fragen und Methoden einfach ein bisschen anders gestellt sind.

 

 

Und die Umsetzung?

 

Nach den ersten systemischen Tagen war ich Feuer und Flamme, das Gelernte auszuprobieren. Noch in Gedanken vertieft und zugleich mit neuen Ideen angereichert, ging ich nach der Weiterbildung wieder zu meiner Arbeit. Zugleich fing ich an, mir eine systemische Bibliothek zuzulegen (einiges aus meinem Bücherschrank finden Sie im Bild zu meinem ersten Blog-Beitrag). Ein Projekt mit langzeitarbeitslosen Jugendlichen, Ziel: Heranführung an das Berufsleben, Berufsorientierung, Begleitung im Bewerbungsprozess. Ich konnte mich in diesem Projekt ziemlich frei bewegen, zum „Üben“ war das von großem Vorteil.

 

 

Was war anders?

 

Die anderen Fragen, die ich jetzt stellte, überraschten die Jugendlichen tatsächlich. Und bewegte sie ein Stück dahin, sich über ihre Wünsche, Träume, Visionen Gedanken zu machen. Und zu überlegen, was sie alles gut können, anstatt nur auf ihre Schwächen zu schauen. Allerdings haben sich auch einige Herausforderungen eingestellt. Man irritiert mit diesen Fragestellungen, die Perspektive zu wechseln stellt je nach seelischem Befinden eine große Herausforderung dar. Im Arbeitskontext mit Langzeitarbeitslosen war es wichtig, diese „Irritationen“ gut vorzubereiten. Ich habe mithilfe der Literatur und meinem neu erworbenen Wissen schnell angefangen, mir kleinschrittig Konzepte zu erarbeiten, um die Wirkungen der Fragetechniken so gut wie möglich auffangen zu können. Das hat zwar viel Zeit gekostet, aber zum einen kann ich damit noch heute arbeiten. Zum anderen fehlte mir als Neuling im Systemischen die Erfahrung und die Vertiefung.

 

Je nachdem, ob jemand freiwillig da ist oder sich in einem Zwangskontext befindet, sind die Reaktionen auf die Methoden zunächst unterschiedlich. Auch psychische (Vor-)belastungen spielen eine große Rolle. Viele unserer Jugendlichen fühlten sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen, passten sich zum Teil an die Erwartungshaltungen an, denen sie in verschiedenen Kontexten begegneten. Sie fühlten sich nutzlos, agierten entsprechend ihrer Misserfolgserfahrungen, sahen in sich wenig oder keine Ressourcen. In derartigen Settings braucht man zunächst großes Einfühlungsvermögen und Wertschätzung gegenüber den Klienten. Ihre Lebenserfahrungen müssen gewürdigt werden und man muss behutsam an systemisches Fragen heranführen. In einer guten Weiterbildung wird man darauf vorbereitet. Auch in der Literatur wird das umfassend thematisiert.

 

 

Was kommt dabei raus?

 

Ich glaube, eine systemische Weiterbildung kann noch so praxisorientiert und fundiert sein. Am Ende macht Übung den Meister. Systemiker orientieren sich am Prozess, das gilt auch für das Erlernen der Methoden. Für mich persönlich hat sich vieles gleich am Anfang der Weiterbildung neu sortiert. Die Umsetzung aber kam allmählich. Wendet man die Fragen zu leichtfertig an, kann man schnell an einen Punkt geraten, an dem man nicht weiterkommt, weil man eben doch noch nicht genug Fragetechniken abrufen oder Fragen selbst konstruieren kann. Deshalb ist für mich eine gute Vorbereitung das A&O, vor allem in so besonderen Settings wie mit Langzeitarbeitslosen. Auch mit guter Vorbereitung meinerseits brauchten viele eine Weile, um sich auf die Reise zu machen, trotz der eigenen Misserfolgserfahrungen an sich zu glauben, Schönes im Leben (wieder) zu entdecken, selbst wenn sie am Projektende (noch) keinen Job gefunden hatten. Am Ende habe ich viele positive Erfahrungen gemacht, oft waren die jungen Leute auch froh über das Gefühl, dass man sich für sie und ihren Weg interessiert.

 

 

Wieviel Systemiker kann man sein?

 

Aber wieviel Systemiker kann man eigentlich sein? Noch heute scheitere ich manchmal an meinen eigenen Ansprüchen. Ich denke nicht immer nur ressourcenorientiert, verheddere mich manchmal in Problemstellungen, anstatt bald zur Lösungsfindung überzugehen. Ich denke nicht immer daran, was jemand anderes sagen würde, wenn ich mich über etwas ärgere. Inzwischen ist mir klar, dass das ganz normal ist, schließlich bin ich immer noch einfach Mensch 😉 Ich hatte ein großartiges Seminar mit Jochen Schweitzer vor eineinhalb Jahren, ein Systemiker, wie er im Buche steht. Zwischendurch sagte er etwas wie „Ich bin auch nur zu 75% Systemiker“. Das fand ich sehr entlastend.

 

 

 

Herzlichst

 

Ihre Anika Hädicke

 

 


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Kommentare: 2
  • #1

    Patrick (Donnerstag, 15 Februar 2018 14:10)

    Sehr schöner und wertvoller Artikel, der mich selbst an meine ersten Erfahrungen in der mir, bis dahin vollkommen neuen systemischen Welt erinnert. Der Titel "Weg ins Systemische" bringt es wunderbar auf den Punkt. Es ist in meinen Augen nicht nur eine Weiterbildung, nicht nur eine Zusatzqualifikation und nicht nur eine Beratungsmethode, sondern der Eintritt in eine vollkommen neue Welt, die verändert. Systemisch denken und arbeiten fetzt! Ein großer Vorteil könnte sein, dass auf Wertungen verzichtet wird, es geht nicht darum "was ist denn in der Vergangenheit schief gelaufen, dass wir nun dieses Problem haben". Lösungsorientierung und immer wieder der Blick nach vorn, machen diesen Ansatz so zielführend. Der Mensch mit seinen Fähigkeiten und Potenzialen (Ressourcen) steht bei allem immer im Vordergrund. Wie die Autorin es beschreibt, der Weg ins Systemische ist anstrengend und kann Kraft kosten, aber er lohnt sich. Danke für diesen Erfahrungseinblick.

  • #2

    Anika Hädicke (Dienstag, 20 Februar 2018 21:28)

    Lieber Patrick,

    vielen Dank für das offene und wertvolle Feedback! Das zeigt uns, dass wir mit unserem systemischen Blog auf einem guten Weg sind :) Dass systemisch denken und arbeiten fetzt, kann ich nur bestätigen!

    Viele Grüße

    Anika

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